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Nachrichten und Informationen aus der Barlachstadt Güstrow
Rede des Bürgermeisters zum Volkstrauertag am 17. November 2024
Alle Kriege sind miteinander verwandt. Einer zieht den anderen nach sich wie eine ansteckende Krankheit.
Arno Surminski: „Vaterland ohne Väter“ (2004)
Sehr geehrte Anwesende,
Der Monat November erinnert uns mehr als jede andere Zeit des Jahres an das irdische Vergehen. Zu Allerheiligen, Allerseelen und am nächsten Sonntag - zum Totensonntag gedenken wir den Verstorbenen unserer Familien und besuchen ihre Gräber. Auch der Volkstrauertag ist einer unserer stillen Feiertage, ein Tag des Innehaltens. Wir unterbrechen unsere tägliche Geschäftigkeit und kommen hier auf dem Friedhof zusammen, um gemeinsam den Opfern der Gewaltherrschaft zu gedenken. Bei manchem unserer Mitbürger mag vielleicht die Frage nach dem warum stehen. Welchen Sinn hat ein solcher Tag des gemeinschaftlichen Gedenkens? Passt er noch in unsere Zeit? Brauchen wir diesen Gedenktag noch? Das Ende des Zweite Weltkriegs liegt doch schon 79 Jahre zurück!
Nur noch die Älteren erinnern sich persönlich an die Schrecken des Krieges und haben die Toten gekannt. Die Erinnerung verblasst weiter, wenn wir nicht ein Zeichen gegen das Vergessen setzen. Trauer braucht einen Ort. Auch mehr als zwei Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg haben noch nicht alle Gefallenen ein würdiges Grab und über eine Million Schicksale sind immer noch nicht aufgeklärt. Töchter, Söhne, Ehefrauen oder Geschwister bemühen sich heute um Gewissheit über deren Verbleib. Auf der Suche nach Spuren, begeben sie sich an die Orte der ehemaligen Kriegsschauplätze und Gefangenenlager im In- und Ausland. Der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge hilft diesen Menschen. Er hat bis heute über 800 Friedhöfe in 45 Staaten angelegt.
Auch in der Stadt Güstrow werden die Stätten des Gedenkens in Ehren gehalten: Sei es der Jüdische Friedhof in der Neuen Straße, der Soldatenfriedhof in der Plauer Chaussee oder die Gräberfelder der Gefallenen des 1. und 2. Weltkrieges hier auf dem Güstrower Friedhof. Wichtig war die Rekonstruktion und erneute Einweihung des Denkmals für die Toten des Kriegsgefangenenlagers auf dem Großen Bockhorst 2021.
Vor 80 Jahren, im Jahr 1944, kam es zu zwei zentralen Ereignissen im Zweiten Weltkrieg, an die ich heute besonders erinnern möchte: zur Landung der Alliierten in der Normandie und zum Warschauer Aufstand. Diese beiden Ereignisse stehen symbolisch für den Mut, den Widerstand und die Entschlossenheit, die in Zeiten der größten Dunkelheit notwendig sind. Auch heute noch, 80 Jahre später, sind sie für uns und unsere europäischen Partner Inspiration und Verpflichtung.
Der D-Day, der 6. Juni 1944, war der Beginn einer der größten militärischen Operationen der Geschichte. Die alliierten Streitkräfte landeten an den Stränden der Normandie und leiteten damit die Befreiung Westeuropas von der deutschen Besatzung ein. Doch der D-Day steht nicht nur für die militärische Überlegenheit der Alliierten, sondern auch für den Preis, den sie für ihre und unsere Freiheit zahlten: Tausende von Soldaten verloren an diesem Tag ihr Leben, und viele weitere sollten in den kommenden Monaten folgen. Tatsächlich hinterließen die Verluste auf beiden Seiten tiefe Wunden, die noch lange nach Kriegsende spürbar waren.
Keine zwei Monate nach der Landung in der Normandie kam es am anderen Ende des besetzten Europas zu einem weiteren weltgeschichtlichen Ereignis: dem Warschauer Aufstand, der als Akt des verzweifelten Widerstands der polnischen Bevölkerung gegen die deutsche Besatzung in die Geschichte eingehen sollte. Am 1. August 1944 erhob sich die polnische Heimatarmee gegen die deutschen Truppen und versuchte, die Kontrolle über Warschau zurückzugewinnen. Die Aufständischen kämpften für die Unabhängigkeit Polens und für die Freiheit ihres Volkes von Unterdrückung und Tyrannei. Doch der Aufstand scheiterte. Die deutschen Besatzer beantworteten ihn mit brutaler Gewalt und setzten Luftangriffe, Artilleriebeschuss und genozidale Gewalt ein, um den Widerstand niederzuschlagen. Ganze Stadtviertel wurden zerstört. Es war eine der blutigsten und verheerendsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges, bei der mindestens 150 000 polnische Zivilisten und etwa 20 000 Mitglieder der polnischen Heimatarmee getötet wurden. Und doch vermitteln die Opferzahlen nicht das Ausmaß der menschlichen Tragödie, die sich in Warschau ereignete. Der Aufstand war der größte Akt des Widerstands gegen die deutschen Besatzer. Er ist Ausdruck des unerschütterlichen Willens des polnischen Volkes, für die Freiheit zu kämpfen, selbst in Zeiten größter Gefahr und Verzweiflung. Doch gerade die abwartende Haltung der Roten Armee, die vom anderen Weichselufer aus den deutschen Massakern zusah, zeigt, wie politische Interessen und Machtkämpfe die Geschichte beeinflussen können.
Anders als beim D-Day war ein ehrendes Andenken der Toten lange nicht möglich, weil die kommunistischen Machthaber nur ihrer eigenen Opfer gedenken wollten. Stattdessen verfolgten sie überlebende Aufständische von 1944. Erst nach 1989 entwickelte sich das Gedenken an Warschau 1944 zu einem Schlüsselereignis des nationalen Selbstverständnisses in Polen. Aber darüber wissen wir hierzulande viel zu wenig, obwohl der Aufstand doch Teil der gemeinsamen Geschichte ist. Damit unterscheidet sich das Gedenken wesentlich von den Feierlichkeiten zum D-Day, die schon seit vielen Jahren eine Gelegenheit für die ehemaligen Kriegsgegner sind, zusammen zu erinnern und sich für eine gemeinsame Zukunft einzusetzen.
Und so mahnt uns der Blick nach West und Ost im Jahre 1944, die Vergangenheit nicht nur aus unserer deutschen Perspektive zu betrachten. Ganz im Gegenteil müssen wir immer auch bedenken, was sie für unsere europäischen Partner bedeutet – dass dort Erinnerung anders sein kann und dass gemeinsame Erinnerung auch für die deutsche Migrationsgesellschaft Relevanz hat.
Das Jahr 1944 liegt 80 Jahre zurück. Doch bis heute stehen der D-Day und der Warschauer Aufstand für die Notwendigkeit, aus der Vergangenheit zu lernen und für eine bessere Zukunft einzutreten. Sie erinnern uns daran, dass Frieden und Freiheit keine Selbstverständlichkeit sind, sondern ständigen Einsatz erfordern. Und sie ermutigen uns, das Wissen über die Vergangenheit lebendig zu halten, damit wir die Fehler unserer Vorfahren nicht wiederholen. Das gemeinsame Gedenken ist ein unerlässlicher Schritt auf dem Weg zu gegenseitigem Respekt, zu Frieden und Versöhnung.
Es ist wahr: Die deutsche Erinnerungskultur umfasst einen tiefen Respekt vor der Vergangenheit. Als Gesellschaft tragen wir die Verantwortung, die Wahrheit über unsere Geschichte zu erzählen und damit den Toten gerecht zu werden. Das gilt umso mehr, als die letzten noch lebenden Zeitzeugen immer älter werden. Noch sind SIE Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart, aber es liegt an uns, ihre Erinnerungen zu bewahren und weiterzugeben.
„Wir gedenken" — das sagen wir heute, 79 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, eher leichthin. Aber: Denken wir auch daran — was Heinrich Böll einmal einforderte —, „wie die Einzelnen gestorben sind, unter welchen Umständen, unter welchen Schmerzen, Flüchen, Gebeten und Schreien?" Und denken wir auch daran, dass neben uns noch immer und schon wieder viele Opfer von Krieg und Gewalt leben? Dass viele Menschen auch heute still leiden, weil sie Angehörige und Freunde verloren haben oder weil sie vergewaltigt und vertrieben wurden? Und ich spreche hier nicht nur von den Senioren, die den Zweiten Weltkrieg als Kinder oder Jugendliche miterlebt haben, die Vater oder Mutter, Freunde und Verwandte an der Front oder bei Bombenangriffen über deutschen Städten verloren haben, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, die ihre Kindheit in Luftschutzbunkern verbrachten oder flüchten mussten. Ich spreche auch von den Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten der heutigen Zeit, zum Beispiel aus Syrien, dem Libanon, Afghanistan oder der Ukraine, die bei uns leben, um endlich einmal Ruhe zu haben, nachts schlafen ohne die Angst, dass einem das Dach über dem Kopf weggeschossen wird. Über die Straße gehen, ohne sich vor Heckenschützen und Autobomben zu fürchten. Nach Hause kommen, und alle sind noch da, gesund und am Leben.
Solche Gefühle und Wünsche kommen in unserem Leben gar nicht vor! Deswegen kann es gar keine Frage sein, ob wir einen Volkstrauertag brauchen! Viele meinen ja: Volkstrauertag — das ist gestern, das ist nur Ritual, Pathos, Alibi. Sicher, die Gefahr dafür ist gegeben und sie ist umso größer, je mehr die eigenen Erinnerungen verblassen - weil wir selbstgefällig und satt geworden sind, weil wir vergessen haben, zu trauern, zu erinnern, nachzudenken. Die Fähigkeit zu trauern ist ein Teil der Menschenwürde. Denn das Gedenken ist nicht nur eine Erinnerung an die Toten, an das Verlorene und Zerstörte, es ist auch Mitgefühl und Verbundenheit mit den Hinterbliebenen. Und es gemahnt an unseren Auftrag für Gegenwart und Zukunft — es ermahnt uns! Eben deswegen brauchen wir diesen Tag: als Stachel im Fleisch unserer Vergesslichkeit, als Aufschrei dagegen, dass auch heute viele Menschen leiden unter Krieg und Vertreibung, Mord und Folter, Gewalt und Terror.
Und es trifft in erster Linie immer Unschuldige: Frauen und Kinder, Alte und Schwache. Der Volkstrauertag ist also nicht nur ein Tag der Toten, sondern auch der Lebenden. Er bringt uns zum Nachdenken: Wie war und ist es möglich, dass so viele Unmenschlichkeiten in unserer vermeintlich so fortschrittlichen Zeit geschehen konnten und geschehen? Und gerade deshalb geht der Volkstrauertag auch die Jüngeren unter uns an.
Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker formulierte es so: „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird."
Die Gräber und Gedenkstätten der Opfer von Krieg, Gewalt und Terror sind nicht nur Mahnmale. Sie sind vor allem Orte, die den Toten eine Stimme geben, wo diese uns sagen, was sie gesehen, erlebt, erlitten haben — und welchen Auftrag sie uns heute erteilen. Ihr Vermächtnis heißt: Frieden! Frieden und Achtung vor dem Leben! Zieht aus dem Geschehenen die richtige Lehre!
Wir müssen alles uns Mögliche tun, damit wir und unsere Kinder nie wieder in solche Situationen kommen. Wir tragen die Verantwortung dafür, dass aus der trauernden Erinnerung die Entschlossenheit wächst — und das persönliche Engagement, den Frieden in uns selber, in unserem Land, in Europa und in der ganzen Welt zu bewahren und zu sichern. Dieses Engagement ist es, das heute den Einsätzen unserer Soldaten für die Völkergemeinschaft Sinn verleiht: nämlich Krieg und Terror zu beenden, den äußeren Frieden zu sichern. Eine Gesellschaft, die den inneren Frieden nicht bewirken und nicht sichern kann, ist zum Frieden in der Welt schlecht gerüstet. Wir wissen auch, dass Unfrieden und Gewalt vielgestaltig sind — und dass wir oft gar nicht so genau hinsehen.
Im Grunde bleiben Frieden und Freiheit immer ein Wagnis. Sie müssen täglich neu errungen werden. Der Philosoph Karl Jaspers hat das einmal folgendermaßen ausgedrückt: „Die Gewohnheit der täglich gegebenen Freiheit verführt zur Passivität. Das Bewusstsein der Gefahr schläft ein." Denken wir nur an die Gewalt gegen Natur und Kreatur, an die Gewalt auf unseren Straßen, an die Gewalt gegen Frauen und Kinder, an die Intoleranz gegenüber Andersdenkenden oder Fremden oder auch an die Gewaltsamkeit in unseren politischen Auseinandersetzungen! Gegen die Gefährdungen unseres inneren Friedens können und müssen wir alle etwas tun. Deshalb bleibt der Volkstrauertag eine stete Mahnung und Herausforderung:
- Halten wir das Andenken der Opfer in Ehren!
- Hören wir auf ihr Vermächtnis!
- Üben wir Frieden, im Gespräch wie im Umgang!
- Versuchen wir, einander zu verstehen in Toleranz und Geduld!
Ich wünsche uns, dass der Volkstrauertag zu einem Volksfriedenstag wird. Wir dürfen nicht nachlassen, uns für eine Welt einzusetzen, in der Toleranz, Respekt und Menschlichkeit herrschen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Arne Schuldt
Bürgermeister
Kontakt:
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